Wohnen, aber anders

Es heißt, man wohne Tür an Tür und kenne einander doch nicht: Wohnen in der Großstadt galt auch für Familien jahrzehntelang als relativ einsames Vergnügen. Ein aktueller Trend geht allerdings genau in die andere Richtung – und weist damit in die Zukunft. Peter Zirbs (Tipi – Magazin für die Familie) spricht mit Mitgründer Stephan Gruber über das Vorstadthaus Breitensee.

@ Stephan Gruber

Peter Zirbs (Tipi): Gleich vorweg: Wie sehen Sie den Bedarf an alternativen Wohnprojekten? Bzw. was könnte sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen geändert haben, um immer mehr alternative Wohnprojekte entstehen zu lassen? 

Stephan Gruber: Die Nachfrage nach „alternativen“ Wohnformen wird immer größer, das merken wir alleine an unserer noch sehr jungen Initiative – obwohl wir noch nicht einmal einen konkreten Bauplatz haben (von dem dann wiederum die Finanzierung, die Anzahl der Wohneinheiten, das Angebot nach innen und außen usw. abhängt), erreichen uns schon alle möglichen Anfragen. Die gehen von „Wie kann ich bei euch mitmachen?“ bis zu „Was kostet eine 80-m2-Wohnung bei euch?“.

Die Frage ist halt immer: Was heißt „alternativ“, wozu ist so ein „gemeinschaftliches“ Wohnen die „Alternative“? Das sollte sich natürlich jeder selbst fragen, der bei einem solchen Projekt mitmachen möchte. Für mich persönlich und meine Familie – meine Frau und ich haben einen dreijährigen Sohn und eineinhalb Jahre alte Zwillinge – wäre das konkret: Unsere jetzige Drei-Zimmer-Wohnung wird uns irgendwann zu klein sein. Aufs Land mit seiner Zersiedelung und den Einfamilienhaus-Fleckerlteppichen wollen wir aus vielerlei Gründen nicht ziehen (zum Beispiel weil wir in puncto Mobilität nicht auf ein Auto angewiesen sein wollen), in der Stadt ist individuelles Wohnungseigentum inzwischen nahezu unerschwinglich – bliebe also eine „normale“ Mietwohnung, wo man zumeist in weitgehend anonymer Nachbarschaft lebt, jedenfalls aber mit Leuten, die man sich nicht aussuchen kann und die man nicht kennt, bevor man einzieht.

Genau hier setzt die Idee von Wohnprojekten an – und auch das Bedürfnis vieler Menschen: Wir möchten nicht nur gemeinsam (also unter demselben Dach) wohnen, sondern leben – das heißt Ressourcen teilen, Möglichkeiten für gemeinschaftliche Kinderbetreuung finden, vielleicht sogar im eigenen Haus einen Arbeitsplatz haben usw. Dazu gehört auch, das eigene Haus von Anfang an gemeinsam mitzugestalten (Stichwort: partizipative Architektur) und auch als Gemeinschaft gemeinsam mit dem Haus zu „wachsen“. Das klingt esoterischer als es ist; die meisten Wünsche und Bedürfnisse sind ganz pragmatisch: Gemeinsam lässt sich einfach vieles realisieren, was ein Einzelner (oder eine einzelne Familie) niemals schaffen würde.

© Stephan Gruber

Sie sind gerade dabei, ein gemeinschaftliches Wohnprojekt zu realisieren. Wie würden Sie einem Ahnungslosen erklären, was die Baugruppe Vorstadthaus Breitensee eigentlich ist? Auch im Vergleich zu herkömmlichen Wohnformen …

Unsere Baugruppe ist – so beschreiben wir das auch auf unserer Website – ein Zusammenschluss von Menschen aus dem und rund um den Wiener Stadtteil Breitensee, die in diesem Grätzl ein gemeinschaftliches Wohnprojekt realisieren wollen. Die Idee des Vorstadthauses bedeutet für uns gemeinsames Leben, Wohnen und im Idealfall auch Arbeiten in Breitensee. Heißt übersetzt: Anstatt nach dem Job nach Hause, zum Kindergarten oder in die Schule und dann mit den Kindern zum Nachmittagsturnen oder zur Musikgruppe zu hetzen, wollen wir versuchen, zahlreiche Aktivitäten unter dem Dach des Vorstadthauses zu ermöglichen – als Angebot nach innen und außen, ohne Zwang.

Der Standort ist dabei natürlich nicht zufällig gewählt: Viele Wohnprojekte entstehen in ganz neuen Stadtteilen, in Wien etwa in der Seestadt Aspern, am Nordbahnhofgelände oder im Sonnwendviertel beim Hauptbahnhof. Gerade weil wir aber schon seit Jahren hier wohnen und die Gegend mit all ihren Vorzügen lieben, wollen wir die gewachsenen sozialen Strukturen und die Angebote des Grätzls nicht aufgeben, sondern mit unserem Haus weiterentwickeln. Im Idealfall wird dadurch ein ohnehin schon toller Stadtteil noch zusätzlich bereichert – es sollen also alle etwas davon haben: die, die im Vorstadthaus leben, genauso wie jene, die von rundherum „nur“ zu Besuch kommen.

© Stephan Gruber

Was sind die Vorteile, was können die Stolpersteine beim gemeinschaftlichen Wohnen sein? 

Sowohl Vor- als auch Nachteile liegen eigentlich auf der Hand: Ganz banal kann man sich gemeinsam einfach viel mehr leisten als alleine, natürlich ohne dabei maßlos zu sein. Das geht von Gemeinschaftsräumen (vom Veranstaltungssaal über ein Café, den Kinderspielraum und die Gemeinschaftsküche bis zur Bibliothek und der Sauna, um nur ein paar mögliche Beispiele zu nennen) über gemeinsames Einkaufen (etwa im Rahmen einer Food-Coop) bis zu Mobilität (Carsharing, gemeinsam genutzte Lastenräder etc.) oder auch der Nutzung von gemeinsamen Freiflächen (mit Hochbeeten, einem Fußballplatz oder was auch immer).

Dass das alles natürlich nicht von selbst kommen kann und die Verhandlung in der Gemeinschaft darüber, was denn nun tatsächlich realisiert und aufrechterhalten werden soll, mühsam sein kann, ist auch klar: Man muss sich als Gruppe sehr genau überlegen, was man leisten kann und will. Das heißt auch für jeden Einzelnen, vor allem viel Zeit einzubringen. Das muss man wollen, denn wenn man sich permanent dazu zwingen muss, hat niemand etwas davon. Und es bedeutet auch, dass man sich auf klare Spielregeln einigen sollte, wie man miteinander kommuniziert und Entscheidungen trifft. Es gibt da ein schönes Zitat von einer Cohousing-Pionierin, Diana Leafe Christian: „In ein Wohnprojekt zu ziehen ist der längste und teuerste Kurs für Persönlichkeitsentwicklung, den man je in seinem Leben machen kann.“

© Irene Maria Gruber

Wie sieht Ihre persönliche Geschichte aus, durch die Sie zu dem Thema gekommen sind? Gab’s da Aha-Erlebnisse? Ab wann und wodurch wussten Sie, dass das für Sie ein Thema wird?

Für mich persönlich gab es ein ganz klares Aha-Erlebnis in Bezug auf gemeinschaftliches Wohnen: Ich habe als Freiberufler letztes Jahr ein Buch als Lektor betreut, das sich mit diesem Thema aus einer sehr persönlichen Sicht auseinandersetzt, nämlich Barbara Notheggers „Sieben Stock Dorf. Wohnexperimente für eine bessere Zukunft“. Als ich da die erste Textprobe gelesen habe, habe ich mich dabei ertappt, wie ich ständig einfach nur zustimmend genickt oder sogar „Ja, genau, so geht das!“ gerufen habe. Eigentlich gar nicht meine Art, aber der Text hat mich richtig euphorisiert. Und vor allem dann ein Besuch in dem Haus, in dem die Autorin seit einigen Jahren lebt – im Wohnprojekt Wien am Wiener Nordbahnhofgelände: Das war einfach nur eine einzige „Wow“-Erfahrung, dieses Haus und seine so unterschiedlichen Bewohner kennenzulernen. Inzwischen habe ich natürlich auch eine Reihe anderer Wohnprojekte kennengelernt, aber die Latte, die dieses Ur-Erlebnis gelegt hat, liegt weiterhin echt hoch.

Ebenfalls spannend finde ich, wie das Umfeld reagiert. Ich vermute, gerade in Österreich ist die klassische Häuslbauer-Mentalität noch weit verbreitet. Da kann ich mir vorstellen, dass Wohnexperimente nicht von allen Bekannten oder Verwandten gleichermaßen euphorisch oder optimistisch begrüßt werden. Wie stellt sich das für Sie dar? 

Meine Grundhaltung ist: Ich will niemanden dazu überreden, die ganze Idee gut zu finden. Das muss jeder für sich beurteilen oder erkennen, ob er das gut oder schlecht findet, ganz egal ob im Allgemeinen oder für sich persönlich. Ich bin selbst am Land (in einem kleinen Ort im Waldviertel) im klassischen Einfamilienhaus aufgewachsen, und die meisten meiner Verwandten leben auch dort. Ich hab’ natürlich oft – gerade als meine Frau und ich selbst Kinder bekommen haben – skeptische Äußerungen gehört, was das Leben in der Stadt betrifft, die klassische Palette an Vorurteilen halt („anonyme Großstadt“, „Kriminalität“, „arme Stadtkinder“ usw.). Ich habe aber, wie das mit Vorurteilen so ist, darin eigentlich nie meine persönliche Lebensrealität wiedererkannt.

Und inzwischen ist es tatsächlich so, dass auch Bekannte und Verwandte vom Land die Vorteile sehen: gerade das enorme Angebot für Kinder (einfaches Beispiel: öffentliche Spielplätze – so etwas ist am Land praktisch nicht existent, dafür steht in jedem privaten Vorgarten ein Trampolin), um nur ein simples, aber weitreichendes Beispiel zu nennen. Der Fernsehmoderator Tarek Leitner hat das für mich sehr gut auf den Punkt gebracht, wenn er meint: „Das Einfamilienhaus im Grünen scheint das Versprechen von Stadt und Land einzulösen, und bringt doch nur von beidem die Nachteile.“ Im Umkehrschluss: Das Vorstadthaus, wie wir es uns vorstellen, bietet genau die Vorteile von urbanem und ländlichen Leben; da dient oft das Schlagwort vom „Dorf in der Stadt“ als Leitlinie.

© Stephan Gruber

Und ganz praktisch gesehen: Gibt es vonseiten der Instanzen wie Gemeinde, Staat und Bürokratie Hürden und Erschwernisse? Ich kann mir vorstellen, dass die üblichen Großfirmen und Bauträger sich da ein wenig querlegen.

Gerade Wien ist im internationalen Vergleich ein leuchtendes Vorbild, was den kommunalen Wohnbau betrifft. Das gilt – trotz aller berechtigten Kritik an Entwicklungen der letzten Jahre, was den sogenannten „freien“ Markt betrifft – für mich auch weiterhin. Und die Stadt und viele politische Kräfte haben inzwischen das enorme Potenzial erkannt, das gemeinschaftliche Wohnprojekte in sich bergen. Das hat dazu geführt, dass gerade in Wien in den letzten Jahren die Wohnprojekte wie Schwammerl aus dem Boden schießen. Das heißt auch, dass sich deren Bandbreite enorm vergrößert hat und dass es langsam ins öffentliche Bewusstsein durchsickert, dass das weder ausschließlich sektenhafte Kommunen sind noch besserverdienende Bobos, die sich’s nur selber gemütlich machen – sondern dass das ganz unterschiedliche, vielfältige Menschen sind, die ihr Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Wohnen und Leben mit enorm viel persönlichem Einsatz realisieren.

Das ist sowohl für Leute wie uns, die so ein Projekt angehen möchten, inspirierend, als auch für politische Entscheidungsträger, das sehe ich auch in vielen Gesprächen mit Politikern. Und auch bei vielen großen Firmen und Bauträgern zeigt sich inzwischen Interesse an diesem neuen „Markt“ – eigentlich eine große Chance für Baugruppen, wie ich finde, die es nun auch wahrzunehmen gilt. Denn im optimalen Fall profitieren – ohne blauäugig sein zu wollen – alle davon; und gerade die wirtschaftliche Komponente darf dabei nicht vergessen werden. Es geht also um realistische Kalkulation einerseits und um Vermeidung von Wohnraum als Spekulationsobjekt andererseits – da können gemeinnützige Bauträger potenziell viel Positives beitragen und bewegen.

Wohin können sich Menschen wenden, die ebenfalls Alternativen zum herkömmlichen Wohnen in der Stadt suchen? Was können Sie diesen Menschen empfehlen? 

Meine ganz persönlichen Empfehlungen: Barbara Notheggers Buch „Sieben Stock Dorf“ lesen. Wohnprojekte besuchen: Viele bieten Führungen an oder haben auch öffentlich zugängliche Bereiche wie Cafés oder Veranstaltungsräume. Einen Überblick gibt die Initiative für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen. An Infoabenden teilnehmen: Derzeit sind so viele ganz unterschiedlich ausgerichtete Projekte im Entstehen, dass man nicht unbedingt selbst so eine Initiative starten muss, sondern bei bestehenden Baugruppen, die zum Beispiel schon kurz vor Baustart stehen, einsteigen kann. Das geht dann natürlich schneller, als wenn man alles von Null aufzieht. Natürlich muss man sich halt dann mit gewissen Entscheidungen, die bereits getroffen wurden, einverstanden erklären. Im Grunde aber ein ziemlicher Selbstläufer: Sobald man sich ein wenig mit der Materie befasst und auch nur einen Funken Begeisterung aufbringt, kippt man ganz von selbst rein.

© Irene Maria Gruber

Wenn es ganz nach Ihren Wünschen und Vorstellungen ginge: Was wäre Ihres Erachtens ein Idealzustand? Wie könnte ein „Wohnutopia“ aussehen? Auch, wenn es noch in weiter Ferne läge …

Ich will da nicht zu utopisch werden, weil ich selbst sehr pragmatisch bin: Für mich muss zunächst mal gegeben sein, dass jeder Mensch sich seinen (angemessen dimensionierten) Wohnraum langfristig leisten können muss. Wohnraum darf – und das ist eine gefährliche Entwicklung – nicht großflächig zum finanziellen Spekulationsobjekt werden. Da können Wohnprojekte Alternativmodelle vorzeigen, die einerseits diese Leistbarkeit gewährleisten, andererseits aber auch typische Probleme von riesigen Gemeindebauten oder Genossenschaftshäusern vermeiden oder lösen helfen: persönliche Beziehungen aufbauen und pflegen, Verantwortungsbewusstsein entwickeln, Ressourcen teilen, benachteiligte oder marginalisierte Menschen selbstverständlich integrieren und nicht als Abweichungen von einer „Norm“ behandeln. Das kann alles im Kleinen beginnen, aber möglicherweise tatsächlich einmal breite Wirkung im großen Maßstab entfalten – womit wir doch wieder bei der Utopie sind …


© Martina Fischmeister

Stephan Gruber, 34, ist freiberuflicher Lektor und Übersetzer. Er lebt und arbeitet mit seiner Frau Irene und drei Kindern im Wiener Grätzl Breitensee – derzeit (noch) in einer konventionellen Genossenschaftswohnung, wenn alles gut geht aber schon in wenigen Jahren im Vorstadthaus. Auszüge dieses Gesprächs sind in Tipi – Magazin für die Familie (Ausgabe Sommer 2017) erschienen.

 

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